Doris Bianchi. (Yoshiko Kusano)

Doris Bianchi. (Yoshiko Kusano)

Wer in den nächsten Jahren in Rente geht, muss sich mit einer immer tiefer ausfallenden Pensionskassen-Rente begnügen. Die Umwandlungssätze sind am Sinken. Die Verzinsung des Altersguthabens ist auf einem Tiefstand. Besonders betroffen sind Erwerbstätige mit tiefen Einkommen. Denn sie haben wenig finanziellen Spielraum, um ihr Altersguthaben mit zusätzlichen Einkäufen aufzustocken. Die „Sonntagszeitung“ hat in ihrer letzten Ausgabe nun für die Tieflöhner eine Lösung gefunden: Sich schleunigst eine 3. Säule aufbauen! Doch jene, die als Lösung der Krise in der zweiten den Ausbau der dritten Säule predigen, wollen den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Dass ein Drittel der Schweizer und Schweizerinnen keine private Vorsorge hat, liegt nicht an mangelnder Information, sondern am fehlenden Geld für Einzahlungen in die dritte Säule. Banken und Finanzinstitute bombardieren uns ja regelrecht mit Werbung für ihre 3.-Säule-Produkte. Und Heerscharen von Versicherungsbrokern drehen uns Lebensversicherungspolicen an. Das Geschäft ist lukrativ. Die Investitionen in Werbung und Marketing lohnen sich. Der steuerliche Anreiz des gebundenen privaten Alterssparens führt dazu, dass die Produkte der dritten Säule für die Kunden gar nicht vorteilhaft sein müssen. Wer es sich leisten kann, zahlt wegen der Steuerersparnis ein und nicht weil er ein gutes Geschäft für seine Altersvorsorge macht. Kein Wunder, kennen mehr als zwei Drittel der Sparer den Zinssatz auf ihrem Säule-3a-Konto nicht.

Doch freiwillige Einzahlungen in die dritte Säule muss man sich leisten können. Arbeitnehmende mit tiefen Löhnen können es meist nicht. Auch Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die sich oft noch in Ausbildung befinden, verfügen nur über ein bescheidenes Erwerbseinkommen. Sparpotenzial gibt es hier wenig. Später, ab 30, kommt die Phase der Familiengründung. Die Ausgaben fürs Wohnen und für die Kinderbetreuung steigen stark an, so dass wenig auf die Seite gelegt werden kann. Was gespart wird, teilweise in der dritten Säule, wird in diesem Alter vermehrt für den Erwerb von Wohneigentum eingesetzt. Auch in den folgenden Jahren wird die dritte Säule meistens zur Amortisation der Hypothek verwendet und weit weniger als Vorsorge fürs Alter. Mit 50 dann, stehen zusätzliche Einkäufe in die Pensionskasse an, um das gesunkene Rentenniveau zu kompensieren. Kommt dazu, dass in dieser Phase häufig auch die Ausbildung der eigenen Kinder viel Geld kostet.

Vor allem aber ist die dritte Säule als kapitalgedeckte Vorsorge mit den gleichen Problemen wie die Pensionskassen konfrontiert. Das Geld wirft heute kaum noch etwas ab. Die Verzinsung der Sparguthaben auf den 3a-Konti ist mickrig, aktuell bei rund 0,5%. Tendenz sinkend. Erste Banken verzinsen das Sparguthaben gar nicht mehr. Damit ist der für eine starke Kapitalbildung nötige Zinseszinseffekt praktisch tot. Auch das Aktiensparen mit 3a-Fondsprodukten liefert nicht die erwartete Rendite. Bei aktiven Fonds sind zudem Gebühren im Bereich von 1 bis 2 Prozent der Anlagesumme gang und gäbe. Tausende von Franken wandern so jährlich Richtung Banken, ohne eine substanzielle Gegenleistung.

Wer aus dem angesparten Kapital in der dritten Säule eine Rente erhalten will, macht ein Minusgeschäft. Die Konditionen für die Berechnung einer Leibrente sind extrem ungünstig. Die Umwandlungssätze liegen unter 4%. Wer später mal eine Rente von 2000 Fr. pro Monat erhalten will, muss über 630’000 Franken zusammengespart haben. Ein solches Sparziel ist für tiefe und mittlere Einkommen fern von jeder Realität.

Viel interessanter ist in der heutigen Situation eine Verbesserung der AHV-Renten. Für die AHV, bei der die Renten dank der Umlagefinanzierung direkt aus Lohnbeiträgen bezahlt werden, sind die tiefen Zinsen kein Problem. Kommt dazu, dass die tiefen und mittleren Einkommen pro Beitragsfranken viel mehr Rentenfranken erhalten. Damit ist klar: Wer rechnet, setzt nicht auf die dritte Säule. Wer rechnet, stärkt die AHV. So wie es die Volksinitiative AHVplus will. Damit die Berufstätigen für ihre Beiträge mehr Rente erhalten.